Cham ist seit 25 Jahren Anita Müllers Wahlheimat, dank einem glücklichen Umstand. «Damit ich von zu Hause in Zug ausziehen konnte, schaltete ich ein Inserat im Zuger Amtsblatt. Die Wohnungslage war damals schon schwierig.» Die Verwandten einer älteren Frau nahmen Kontakt auf: Die Seniorin zog ins Altersheim und die Familie suchte eine Nachmieterin für die Wohnung. Für Anita war das ein Glücksfall. Ursprünglich lernte Anita Kauffrau, obwohl sie nie ins Büro wollte. «Ich sagte immer: Alles, nur kein Bürojob. Doch das Leben hatte andere Pläne mit mir», erzählt sie schmunzelnd. Während der KV-Ausbildung merkte sie, dass ihre Vorurteile unbegründet waren. Im Gegenteil; zu ihrer Überraschung fand sie die Arbeit spannend und verantwortungsvoll.
Massageausbildung statt Bürostuhl
Dennoch spürte sie schnell, dass der Beruf nicht für immer sein würde. Anita begann sich umzusehen, neugierig und offen für das, was sich bot. Dabei stiess sie auf eine Massageausbildung – eine völlig neue Welt für sie, fernab dessen, was sie aus ihrer Familie kannte. «Ich war schon ein bisschen die exotische Tochter», erzählt sie augenzwinkernd. Die Ausbildung eröffnete für sie neue Perspektiven. Sie war fasziniert und wollte mehr wissen. Was als erste Ausbildung begann, entwickelte sich schnell zu einer Leidenschaft. Anita besuchte zahlreiche Aus- und Weiterbildungen und vertiefte ihr Wissen. Bald weitete sie ihr Spektrum aus: Besonders die Methode Kinesiologie hatte es ihr angetan, weshalb sie das eidg. Diplom zur Komplementärtherapeutin absolvierte. Schritt für Schritt baute sie ihre Selbstständigkeit auf und reduzierte ihr Arbeitspensum im KV, um Raum für die neue Tätigkeit zu schaffen. Mit jedem Kurs, jedem neuen Wissen wuchs auch ihr Vertrauen in die Vielfalt der Methoden.
Heilung, die Spuren hinterliess
Diese Offenheit für unterschiedliche Ansätze hat ihre Wurzeln in prägenden Kindheitserfahrungen, die Anita bereits früh in Kontakt brachte mit Erfahrungsmedizin – häufig auch als Komplementär- und Alternativmedizin bezeichnet. Als Kindergartenkind erlebte Anita, wie über zwanzig Warzen an beiden Händen durch eine einzige Behandlung eines Heilers vollständig verschwanden. Zwei Wochen sollte sie nicht daran denken. Und dann, ganz plötzlich, waren sie weg – ohne Spuren, ohne Narben. «Es war ein eindrückliches Erlebnis.» Ein weiteres einschneidendes Ereignis folgte später: Als Kind wurde sie regelmässig von Angina geplagt. «Der Kinderarzt verordnete mir jeweils Antibiotika. Kaum war dieses aufgebraucht, brach die nächste Angina aus.» Irgendwann fand ihre Mutter, so könne es nicht weitergehen, und holte sich ausserhalb der Schulmedizin Rat. Tatsächlich wurde Anita daraufhin dauerhaft von ihrem Leiden befreit – bis zur einmaligen Wiederholung im Erwachsenenalter. Für Anita steht fest: Es braucht sowohl Erfahrungs- als auch Schulmedizin. Eine Haltung, die ihre Arbeit bis heute beeinflusst.
Zweige in der Medizin, Wurzeln in der Natur
Diese Haltung, die Anita in ihrer Arbeit verfolgt, spiegelt sich auch in ihrem privaten Leben wider – in der tiefen Verbindung zur Natur und ihrer Liebe zu Tieren. «Tiere liebte ich schon immer», erzählt sie. Doch der Traum vom eigenen Hund erfüllte sich erst im Erwachsenenalter. So lernte sie in einem Tierheim Aisha, ihre flauschige Gefährtin, kennen. «Von Anfang an war klar, dass ich einen Hund aus einem Tierheim möchte. Es gibt so viele Tiere, die ein Zuhause brauchen.» Mit der Hündin an der Leine entdeckte sie Cham von allen Seiten und lernte viele Menschen kennen.
Zu Hause im Adlerhorst
Auch wenn Aisha nicht mehr an ihrer Seite ist, bleibt Anitas Liebe zu Tieren und zur Natur ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. «Auf langen Spaziergängen finde ich zu mir und tanke Energie auf. Begegnungen mit einem vorbeihuschenden Reh, einem von Ast zu Ast hüpfenden Eichhörnchen, spielenden Jungfüchsen oder einem türkisblau schimmernden Eisvogel, erfüllen mich mit Dankbarkeit.» Bewusste, ruhige Momente findet Anita auch zu Hause, in ihrem Adlerhorst, wie sie es nennt: Ihre Morgen beginnen mit Meditation, ihre Abende schliesst sie gerne mit Yoga ab. Und immer wieder kreiert sie gesunde Leckereien in der Küche. So zieht sie beispielsweise selbst Sprossen oder backt mit ihrem Sauerteig knusprige Brote.
«Mein Leben fühlt sich richtig an», sagt Anita zufrieden. Sie hat ihre Balance gefunden und hilft auch ihren Klienten, diese zu finden. Doch Anita wäre nicht Anita, wenn sie sich nicht gleichzeitig die Freiheit bewahren würde, offen zu bleiben – für neue Impulse, ungeahnte Möglichkeiten, und vielleicht sogar für einen weiteren mutigen Schritt.
Anita Müller wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Josef Mathis.