Die Initialzündung
1859 bekam Cham sein erstes Bahnhofgebäude, aber noch keine Geleise, denn die Ost-West-Bahn, im Volksmund deshalb «Oh!-Weh!-Bahn» genannt, musste kurz darauf Konkurs anmelden.
1864 aber war es so weit. Cham wurde an die Bahnlinie Zürich – Luzern der Schweizerischen Nord-Ost-Bahn angeschlossen. Die Trasse führte über das Säuliamt, Zug wurde über ein Stumpfgleis angefahren.
Damals war Cham mit etwa 1500 Einwohnern nur die sechstgrösste Gemeinde im Kanton Zug. Die Bevölkerung war auf viele kleine Weiler verteilt, einen Dorfkern gab es, wenn überhaupt, nur rund um die katholische Kirche.
Brach liegendes Potenzial
Mit dem Bahnanschluss änderte sich dies. Vor allem als sich 1866 zwei Amerikaner, die Brüder Charles und George Page, auf der Durchreise durch Cham und das Umland wunderten, dass die Chamer Bauern aus ihrem Potenzial, den saftigen Weiden und den stattlichen Kühen, so wenig machten.
Als Amerikaner wussten sie von der 1854 in ihrem Heimatland erfundenen Kondensmilch und ihnen war bewusst, dass haltbare, beinahe unverderbliche Lebensmittel ein immer grösser werdendes Bedürfnis waren.
So eröffneten sie in Cham 1866 die erste Kondensmilchfabrik in Europa. Ihre Produkte waren vor allem für den englischen Markt bestimmt. Ohne Bahnanschluss wäre die Fabrik niemals in Cham realisiert worden. Die Kondensmilchproduktion in der Anglo-Swiss Condensed Milk Company stieg rasch an, bald kamen weitere Fabriken in der Schweiz, in England, Deutschland, USA und Norwegen dazu.
Auch die Papierfabrik und die Spinnerei in Hagendorn wurden in dieser Zeit zu wichtigen wirtschaftlichen Treibern in Cham.
So begann Cham zu wachsen und wurde innerhalb von wenigen Jahrzehnten zur drittgrössten Gemeinde im Kanton Zug. Innerhalb von 30 Jahren wuchs die Bevölkerung um etwa 125 %. In Cham herrschte reger Zuzug und es wurde gebaut, was das Zeug hielt. Aus grünen Wiesen wurden neue Wohnquartiere, viele Baumeister und Architekten zogen nach Cham.
Nicht nur eitel Freude
Kurz nach Eröffnung der Bahnlinie legte ein 16-jähriger Bursche einen Stein auf die Geleise. Zum Glück kam es zu keinem gravierenden Unfall. Die schwere Lokomotive zermalmte den Sandstein. Der junge Mann wurde zu einer Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt. Es ist nicht klar, ob es einfach ein Nachtbubenstreich war. Die relativ hohe Strafe und die Tatsache, dass der Vater des Burschen Wegknecht war, also für den Strassenunterhalt verantwortlich, weisen in die Richtung, dass der Bursche ganz bewusst gehandelt haben könnte, weil sich seine Familie durch das neue Verkehrsmittel in ihrer Existenz bedroht sah.
Auch die starke Zuwanderung in Cham führte zu Spannungen. In Zeitungsartikeln aus den 1870er-Jahren werden die Zugezogenen etwas despektierlich als «Niedergelassene» bezeichnet, welche die Alteingesessenen, die «Vollblutbürger» aus ihrem langjährigen «Besitzthum» hinauswerfen wollen.