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Als der Einkauf noch ein Dorferlebnis war

Wer in Cham vor sechzig oder siebzig Jahren Lebensmittel einkaufte, ging nicht in den Supermarkt, sondern «zum Burri», «zum Rombach», «zum Wolf» oder «zum Werder».


Als der Einkauf noch ein Dorferlebnis war
Das Doppelwohn- und Geschäftshaus Wolf am Bärenplatz vor der Erweiterung des hinteren Hauses, undatierte Aufnahme.

Das wohl älteste Kolonialwarengeschäft von Cham reicht ins Jahr 1837 zurück und befand sich in der «Alten Post» an der Rigistrasse, die 1924 abbrannte. Gleich daneben, an der Hünenbergerstrasse 2, baute 1875 Sekundarlehrer und Posthalter Jost Burri (1834–1896) ein Mehrfamilienhaus mit der Chamer Poststelle, und einem neuen Kolonialwarengeschäft. Ab 1918 führten Burris Frau sowie die beiden Töchter Marie-Louise und Margrit den Laden, der 1962 schloss.
Das Sortiment war erstaunlich vielfältig. Zu den Kolonialwaren aus Übersee gehörten Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürze und Tee, die oft offen verkauft und sorgfältig abgewogen wurden. Teigwaren, Konserven, Seife oder Petroleum gehörten ebenso zum Angebot wie saisonales Obst und Gemüse. Einen typischen Laden mit solchen Lebensmitteln führten Elsa und Fritz Rombach-
Fornari, die während knapp drei Jahrzehnten italienische Kolonialwaren und Weine an zwei Orten an der Luzernerstrasse verkauften.

Gesellschaftliche Treffpunkte
Diese Läden waren aber auch Treffpunkte des täglichen Lebens. Für viele Chamer gehörte der kurze Schwatz mit der Ladenbesitzerin ebenso selbstverständlich zum Einkauf wie die Einkaufstasche mit den Lebensmitteln. Oft kannte man sich persönlich. Nicht selten wurden Einkäufe aufgeschrieben und erst Ende Monat bezahlt, was damals ein besonderes Vertrauensverhältnis bedeutete.

Innenansicht des ersten Usego-Selbstbedienungsladens von Rosa und Karl Werder an der Knonauerstrasse 7.
Innenansicht des ersten Usego-Selbstbedienungsladens von Rosa und Karl Werder an der Knonauerstrasse 7.
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Erster Selbstbedienungsladen und …
Eine Vorreiterrolle nahm die Familie Werder ein, die an der Knonauerstrasse 7 seit 1920 ein 
Lebensmittelgeschäft betrieb. Rosa (1920–2010) und Karl Werder-Scherer (1916–1973) erkannten früh, dass sich das Einkaufsverhalten veränderte, und eröffneten 1957 mit dem Usego einen der ersten Selbstbedienungsläden in Cham. Damit begann auch im Dorf der Abschied vom klassischen Kolonialwarenladen, in dem die Verkäuferin jede Ware noch persönlich aus dem Regal holte.

… erster «Discounter»
Einen speziellen Platz in der Dorfgeschichte nimmt das Geschäft Wolf am Bärenplatz ein. Fridolin Wolf-Rohner (1861–1940) übernahm es um 1906 von Georg Kost, dessen Spezialität hauseigene Limonaden war. Als veritabler Geschäftsmann entwickelte sich aber sein Sohn Fritz Wolf (1908–1987), ein gelernter Drogist, der das Lebensmittelgeschäft 1936 um eine Drogerie erweiterte. Er warb mit aggressiven Preisen, entwickelte sich zu einem eigentlichen Frühdiscounter und baute sein Geschäft 1950 um. Damals hiess es: «Die lange Front des Bedienungstisches ermöglicht es heute, den eiligsten Kunden rasch zu bedienen.» 1955 richtete er in seinem Laden eine Kaffeerösterei ein. Passend dazu bot er eigene Kaffeemischungen an. Wie sein Bruder Otto (1911–1970) engagierte er sich für das Chamer Kulturleben und sorgte 1946 für die Auferstehung des Chamer Kinos. Zusammen mit der Theatergesellschaft Cham baute Wolf im Gebäudekomplex Neudorf neben einem Geschäftslokal einen Kinosaal ein.

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