«Ich erinnerte mich gut an die Ruderregatta Cham. Als Juniorin fand ich es schon schön hier.» Bis 2012 lebte Anna mit ihrer Familie in Mössingen (DE), wo ihr Mann als Geschäftsführer von evangelischen Schulen arbeitete. Als er eine Veränderung suchte und wieder zurück in die Schweiz wollte, stand die Pfarrstelle der ref. Kirche in Cham zur Auswahl. Es war nicht der erste Umzug. Zuvor lebte die vierköpfige Familie bereits in Grindelwald und im Fricktal. «Der Umzug nach Cham war weit mehr als eine nächste Station.» Die ältere Tochter lebte bereits fürs Studium auswärts, die jüngere zog kurz darauf nach Heidelberg. Und Anna schloss gerade ihre Zweitausbildung als Ergotherapeutin ab. Für Anna und ihren Mann begann ein neuer Abschnitt.
Vorreiterin
«Mit 16 trat ich als Juniorin dem Ruderclub Basel bei.» Die heute 61-Jährige gehörte damals zu den ersten Juniorinnen überhaupt, die aufgenommen wurden. «Vorher durften nur Jungs rudern», erinnert sich Anna. Eine Haltung, die sie während ihrer aktiven Zeit begleitete: «Ich war schnell erfolgreich. Also fragten wir die reichen Basler an für finanzielle Unterstützung für ein neues Boot.» Das Geld kam zusammen und Anna war eine der Ersten, die nicht mehr in einem Holzboot ruderte. «Nicht alle wollten Geld für ein Mädchen geben, deshalb nannten wir das Boot ‹Me git, me git nid›.» Als die junge Baslerin 1983 den Schweizer-Meister-Titel holte, war die Freude wie auch die Erleichterung gross. «Alle waren froh, dass es klappte. Das damals moderne Boot hat sicher geholfen.»
«Nicht alle wollten Geld für ein Mädchen geben,
deshalb nannten wir das Boot ‹Me git, me git nid›.»
Das Glück des Scheiterns
Am Ende von Annas Juniorenzeit übernahm ihr Vater sein Elternhaus in Bern. Mit dem Umzug beendete sie auch ihre Ruderkarriere: «Dort gab es keinen Ruderclub in der Nähe. Ich hätte mir vielleicht etwas einrichten können, aber ich hatte andere Interessen.» Dazu gehörte der Laufsport, aber vor allem die Musik. Denn neben den sportlichen Erfolgen war Anna eine begabte Violinistin. Nach der Diplommittelschule bereitete sie sich auf die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vor. «Leider habe ich es knapp nicht geschafft. Mein Lehrer tröstete mich: Es sei besser, eine gute Amateurin zu sein, als ein mittelmässiger Profi.» Obwohl die Enttäuschung damals gross war, teilt Anna diese Einsicht heute vollkommen.
Liebe und Musik
Nun brauchte Anna einen neuen Plan für ihre Zukunft. Sie entschied sich für die Berufsbildung zur medizinisch-technischen Laborantin an der Berufsfachschule in Bern. Mit dem Diplom in der Tasche erhielt sie ihre erste Stelle am Inselspital im Transplantations- und Allergielabor. Das Geigenspiel begleitete sie weiterhin. Begeistert von einem Konzert des Universitätsorchesters, fragte sie den Dirigenten, ob sie als nicht eingeschriebene Studentin auch mitspielen dürfe. «Er meinte nur, das würde die jungen Studenten etwas aufmischen, ich solle einfach kommen und mitspielen.» So lernte sie ihren Mann kennen, der ebenfalls Geige spielt.
Aufbruchsstimmung
Drei Jahre bevor Anna nach Cham zog und ihre Töchter langsam das Haus verliessen, entschied sie, dass es Zeit für eine Veränderung war. «Meine Rolle als Mutter endete langsam und ich wollte wieder zurück ins Berufsleben.» Aber nicht zurück ins Labor – es sollte etwas Neues sein, mit Menschen und direktem Kontakt. «Also habe ich mich durch alle möglichen Berufe durchgegoogelt.» So kam sie auf die Ergotherapie. Der Entscheid fiel schnell, der Weg war anspruchsvoll: Ausbildung, Praktika, Prüfungen. Heute arbeitet Anna als Ergotherapeutin in Wädenswil. Sie begleitet ihre Patienten über längere Zeit und feiert ihre Fortschritte mit ihnen. Und obwohl ihre Töchter nicht gleich um die Ecke wohnen, ist die Grosskinderbetreuung fester Bestandteil des Wochenplans.
Und wenn sie nicht für Beruf oder Familie unterwegs ist, wird ihr ganz sicher nicht langweilig: «Ich engagierte mich immer in der Gemeinde, in der wir wohnten.» Anna spielt erste Geige im Orchester Cham-Hünenberg, engagiert sich in der Kirchgemeinde und hat dieses Jahr das Co-Präsidium der Nationalen Ruderregatta Cham angetreten. Dank ihrer offenen Art und ihrem Engagement fand Anna immer schnell Anschluss.
Anna Sohn wünscht sich im nächsten Chomer Bär ein Gespräch mit Charlie Mace.