Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich ausgerechnet im Coiffeursalon die haarsträubendere Anekdote als die wahre entpuppte. Ein Kanufahrer sei tatsächlich mit einem fliessenden Gewässer in seiner Wohnung konfrontiert worden. Alles nur, weil sich eine in der Dusche aufgehängte Spritzdecke löste, beim Herunterfallen den Wasserhahnen aufriss und den Abfluss verstopfte. Wer dies als Einzelfall abtut, täuscht sich. Ein Chomer berichtete nach der letzten Ausgabe von einem ähnlichen Vorfall in seiner Nachbarschaft – dort sei allerdings ein Duschvorhang der Übeltäter gewesen. Als besorgter Nicht-Chomer-Bürger rate ich der Bevölkerung: Bleibt wachsam, traut weder Spritzdecken noch Duschvorhängen – eine Lorze durch Cham genügt!
Um meine nächste Zielperson aufzuspüren, wählte ich eine neue Taktik: Mit einem geliehenen Hund an meiner Seite streifte ich durch Cham. Hierbei war nicht die Spürnase des Lagottos entscheidend, sondern das flauschige Fell in Kombination mit dem treuherzigen Blick. Die Aufmerksamkeit war uns sicher. Da ein Lächeln, dort ein netter Kommentar. Der hündische Köder verfing sich schliesslich bei einem grossgewachsenen Familienvater. Er streichelte den Hund, wir plauderten und kurze Zeit später sassen wir in seinem Garten. Bei einem kühlen Getränk erzählte er mir von seinem Werdegang: Nach abgeschlossener Kochlehre sei er im Gartenbau gelandet. Und letztlich habe es ihn in die Kreativbranche verschlagen. Nun stehe er hinter der Kamera und rücke Menschen ins bestmögliche Licht. Dann war ich an der Reihe. Ich forderte ihn zum bekannten Spiel heraus: Zwei Anekdoten solle er mir auftischen. Eine müsse wahr sein, die andere erfunden. Schaffe er es, mich zu täuschen, mische ich mich mit einem Plüschbären auf dem Rücken unters Volk. Ohne zu zögern, schlug mein Gegenüber ein und präsentierte folgende Geschichten:
Anekdote 1
In seinen Jahren als Koch habe er für die eine oder andere Berühmtheit den Löffel schwingen dürfen. In besonderer Erinnerung sei ihm der Sohn von Bob Marley geblieben. Dieser habe sich ganz bescheiden Pasta gewünscht. Die Sauce aber habe es in sich gehabt. Die Zutatenliste sei der Küche minutiös übermittelt worden. Ein Lob habe es nach dem Essen vom Musiker höchstpersönlich gegeben.
Anekdote 2
Als er in diese Wohnung eingezogen sei, bestand der Garten nur aus zwei Hecken, einem Rasen und Steinplatten. In Eigenregie habe er einen Teich mit Wasserspiel angelegt, drei Bäume gepflanzt und ein Kräuterbeet geschaffen. Die Besonderheit des Gartens liege aber unter der Erde. Bei den Wurzeln des Ahorns befinde sich ein Grossteil seiner Dreadlocks von früher. Vermutlich das Geheimnis hinter dem prächtigen Wachstum des Baumes.
Kaum hatte mein Gegenüber mit Sprechen geschlossen, nahm ich den Garten unter die Lupe. Nicht aus Zweifel an seinem grünen Daumen, sondern weil ich noch nie von Dreadlocks als Düngemittel gehört hatte. In der Hocke scharrte ich unter dem Ahornbaum und entdeckte: nichts. Als ich aufstand, schwenkte der Langgewachsene drei Dreadlocks vor meiner Nase. Die seien noch übrig, behauptete er mit einem Grinsen. Ein Ablenkungsmanöver, vermutete ich. In welchem Lokal er als Koch tätig gewesen sei, fragte ich. Die postwendende Antwort: In jenem Kulturlokal, das einst niederbrannte. Wie ich wusste, trat dort fürwahr vor Jahren der Sohn von Bob Marley auf. Mein Gegenüber doppelte nach, er sei damals der Leiter des Bistros gewesen. Nun hatte ich genug gehört und beschloss bei dieser Datenlage, eine Münze zu werfen. Und wurde prompt belohnt.
Was denken Sie? Bei welcher Anekdote wurde geflunkert? Die Auflösung finden Sie in der nächsten Ausgabe.