Im Versteck
Der reine Zufall führt die wenigsten Menschen zum Blumenladen von Monette Wismer-Hauri. Unterhalb der Sinserstrasse liegt er versteckt am Ende einer Quartierstrasse. Ein offener Kofferraum weist mir an diesem Donnerstagmorgen den Weg: Gefüllt mit Blumen, sticht das weisse Auto sofort ins Auge. Wenige Schritte später treffe ich auf seine Besitzerin, die die blühende Fracht entlädt. «Immer donnerstags besuche ich die Blumenbörse», sagt Monette Wismer-Hauri und platziert eine weitere Kiste in ihrem kleinen Laden. «Für einen Kühlraum besteht hier kein Platz. Bei mir müssen die Blumen frisch sein.» Von seiner Grösse her wirkt der Raum überschaubar, seine Einrichtung hingegen lädt zum Verweilen ein. Die fein ausgewählten Dekorationen lassen meinen Blick schweifen: ein Seeigelgehäuse als Qualle, silberne Vögel, ein Schwimmreif und eine Schatulle mit Edelsteinen. «Monette’s Blütenpracht» scheint ein Ort zu sein, an dem alle finden, die suchen.
Zwischen schlicht und extravagant
Für viele Jahre hatte die Floristin ihren Laden in Zug. Seit vergangenem November blüht er an seinem neuen Standort wieder auf. «In Cham bevorzugt meine Kundschaft eher schlichte Sträusse. In Zug hingegen durfte es extravaganter sein», beschreibt sie den Wechsel, kürzt einen Stiel und stellt die Borstenhirse in die Vase. Hortensien, Sonnenblumen, Lilien, Fetthenne, Craspedia, Chrysanthemen: Allesamt werden ihre Stiele angeschnitten, um ihre Leitungsbahnen wieder zu öffnen. Im Wasser eingestellt, warten sie. Noch ist der Laden geschlossen. «Sträusse produziere ich nicht auf Vorrat, sondern binde sie gemeinsam mit meiner Kundschaft.» Im Gespräch kläre sich, welche Blumen passen. «Wird eine ältere Person beschenkt, wähle ich meist knallige Farben. Trotz Sehschwäche entfaltet der Strauss seine kräftige Wirkung.» Manche Menschen hingegen betreten den Laden mit einer klaren Vorstellung. Mitunter seien diese Wünsche sehr ungewöhnlich, erzählt Monette Wismer-Hauri und lächelt.
Ein sonderbarer Wunsch
Einst habe ein älterer Herr ihren Laden betreten auf der Suche nach Blumen für ein erstes Date. «Er sah sich um und wollte aus jeder Vase ein Exemplar», erinnert sich die Floristin. Sie konnte sich weder das Resultat vorstellen, noch den sonderbaren Wunsch abschlagen. «Und so verliess der Herr mit einem Bund aus 25 verschiedenen Blumen das Lokal.» Das bunte Ergebnis habe sie selbst überrascht. «Einige Tage später bedankte sich der Herr und berichtete von der besonderen Wirkung seines Bouquets.» Monette Wismer-Hauri räumt die Tischfläche frei, holt einen runden Karton und schneidet die Packbänder auf. Zum Vorschein kommt ein grüner Steckmoosring. «Für mich ist ein gelungener Strauss, wenn jede einzelne Blume ihren Platz findet und bis zum Verblühen wirken darf.» Sie tränkt das Steckmoos kräftig mit einer Giessflasche. Wenn der Blumenladen in wenigen Stunden öffnet, muss ein Auftrag erledigt sein.
Ein Handwerk
Das nahe gelegene Bestattungsinstitut hat ein Foto geschickt. Der abgelichtete Urnenkranz dient als Referenz. «Das lässt sich wunderbar umsetzen», resümiert die Floristin. Das sei nicht immer so. «In Zeiten von künstlicher Intelligenz liefern Menschen teilweise unmögliche Vorlagen. Die generierten Bilder suggerieren, dass alle Blumen zur gleichen Zeit blühen.» Im Blumengeschäft scheint die Natur noch den Takt anzugeben. Monette Wismer-Hauri zupft und schneidet Efeubüschel von den dünnen Trieben. Mit Leichtigkeit lassen sie sich in den getränkten Moosring stecken. «Als Floristin übe ich einen handwerklichen Beruf aus. Die körperliche Anstrengung wird oft unterschätzt.» Sie arbeite mit den Händen, transportiere Töpfe und sei immer auf den Beinen. «Als eine junge Frau bei mir schnupperte, rief mich am nächsten Tag ihre Mutter an. Sie erkundigte sich, was ich mit ihrer Tochter gemacht habe. Das erste Mal seit Langem habe diese wieder durchschlafen können», erzählt die Ladenbesitzerin lachend.
Natürliche Architektur
Das Steckmoos ist unter Efeublättern verschwunden. Bei den Sonnenblumen folgt eine Planänderung. Die Köpfe der vorgesehenen Exemplare sind noch geschlossen. Monette WismerHauri entscheidet sich für die offenen Sonnenblumen. «Hier gilt es abzuwägen. Einerseits sollen die Blüten vom ersten Tag an offen sein. Andererseits soll der Kranz auch einige Tage blühen.» Sie kürzt eine Sonnenblume und steckt sie zwischen die grünen Blätter in den Kranz. Der Anspruch an Blumen ist hoch: Sie sollen schön aussehen, lange blühen und Freude bereiten. «Vor Jahren betrachtete eine Architektin die Blumen in meinem Laden. Sie kommentierte, dass keine Architektin und kein Architekt jemals so perfekt zeichnen könne.»
Über das Schenken
Ob ein Strauss eine Beziehung retten kann? Monette Wismer-Hauri winkt lachend ab. «Es müssten schon sehr passende Blumen sein.» Heuchelei sei auch beim Blumenkauf zu erkennen. «Meist merke ich es, wenn Männer mit gelangweiltem Blick nach einem Bouquet fragen. Und gleich nachlegen, dass dieses möglichst günstig sein sollte.» Das sei aber selten. «Die allermeisten Menschen schauen vorbei, um andere zu überraschen und Freude zu bereiten.» Im Kranz stecken bereits einige Fetthennen. Säuberlich aussortiert wandern nur grüne Exemplare ins
Gesteck. «Als Floristin habe ich das Los gezogen, selber sehr selten Blumen zu erhalten.» Womöglich würden die Leute glauben, sie sitze bereits auf der Quelle. «Einen Blumenstrauss zu sitze oder ihn zu erhalten, das sind zwei verschiedene Dinge.» Sie streckt mir eine Pflanze zum Riechen entgegen. Als Nächstes findet Oregano seinen Ort im Kranz.
Aufblühen
Craspedias und Chrysanthemen komplettieren das dichte Gesteck. «Die Urne aus Ton darf nicht feucht werden», erklärt Monette Wismer-Hauri, schneidet aus einer Folie einen Kreis und legt ihn in die Kranzmitte. Das Gesteck wird transportfertig gemacht und die Urne beim Bestattungsinstitut abgeholt. Eine kurze Autofahrt später stehen wir in der kühlen Abdankungshalle. Ein Bild der Verstorbenen erinnert an ein langes Menschenleben. Die Urne hat einen würdigen Ort inmitten von leuchtenden Blumen gefunden. «Ohne diesen Kranz wäre der Anblick ein ganz anderer.» Kräftig werden die Blüten für einige Tage wirken. So lange, bis auch sie verblüht sind.