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Wie sich ein Freundeskreis schliesst
Feuer und Flämmli

Am Anfang war das Feuer – oder bezogen auf acht Freunde aus dem Ennetsee: das Flämmli. Was einst als regelmässige Bestellung in einer Bar begann, entwickelte sich über Jahre zu einem Ritual und mündete in der Gründung von «Lutz und Flamme». Heute brennen die acht Vereinsmitglieder für gemeinsame Pläne, zimmern ihre eigene Bar und schicken Menschen auf die erste Zuger Obstbrandwanderung. Der Chomer Bär inmitten eines Kreises, der sich auf unterschiedliche Weisen offenbart.


Feuer und Flämmli

Keine Kaffeepause
«Ein Stück in der fünften Generation meiner Familie»,  verrät Jan Meier und dreht an der Kurbel. Ob ihre Geschichte ausgemalt ist oder nicht: Die schmucke Kaffeemühle mahlt. Noch liegt der Duft von Holzspänen in der Luft. Eine Kreissäge kreischt, während mit ruhiger Hand gepinselt wird. Fünf der acht Mitglieder des Vereins «Lutz und Flamme» haben sich auf dem Hügel des Waldstock- Festivals eingefunden. Wo vor wenigen Tagen noch Wiese war, steht nun ein Unterstand mit einem umlaufenden Tresen. Jan Meier wirft einen prüfenden Blick in die Schublade der Mühle. Der Vorrat genügt für eine kleine Bialetti – den kultigen Kaffeekocher. Obwohl noch unzählige Handgriffe warten, legt das Quintett die Werkzeuge nieder. Kaffeepause? Falsch gedacht. Es folgt ein Ritual, das von «Lutz und Flamme» seit Jahren gepflegt wird. Mit Kaffee hat es nur am Rande zu tun. Auch wenn eine riesige Bialetti verkehrt an der Decke hängt und in grossen, silbernen Lettern steht: «Kafi-Wage».

Der Beginn einer Tradition
In der Mitte des Unterstandes steht ein alter Holzwagen, der mit Gummireifen minimal modernisiert wurde. «Mobiler machen diese Räder uns nicht», kommentiert Marcial Koch. Der Grund liegt auf der Ladefläche. An einem hölzernen Gestell hängen dünnwandige Cognacgläser, Flaschen mit Obstbrand und Espressotassen. Utensilien, die für «Lutz und Flamme» unverzichtbar sind. So bildet der Wagen eher ein Juwel, das inmitten der Bar gut geschützt ist und dem Namen der Bar Sinn verleiht. «Vor drei Jahren haben wir diesen Stand mit dem ursprünglichen Namen übernommen. Ohne zu wissen, was der Grund für diese Namensgebung war», führt David Bomatter aus. Wo die Räder eine alte Tradition noch immer tragen, bringt «Lutz und Flamme» seine eigene Tradition ins Rollen. «Angefangen hat es, als ein Chübel und ein Flämmli zusammengezählt noch 13 Franken 50 kosteten. Wir trafen uns häufig zu acht im Zuger Althus. In dieser Konstellation mit einem Flämmli anzustossen hält sich bis heute», erzählt Marcial Koch. Die Gründung eines Vereins sei aber keine Schnapsidee gewesen.

Eine Hochzeit unter Freunden
Mit der Übernahme des «Kafi-Wage» bot sich die Gelegenheit, als Freundeskreis eine Aufgabe zu fassen. «Die Vereinsgründung sehe ich als Hochzeit unter Freunden», fügt David Bomatter schmunzelnd an. Kein getarnter Saufverein? Kopfschütteln. «Manche Menschen haben Schnaps als billigen Fusel in Erinnerung. Dass es aber hochwertige Obstbrände gibt und Destillieren hohe Kunst ist, wird unterschätzt», präzisiert Fabian Aregger. Er stellt einen Williams der Destillerie Hotz bereit, holt Zucker, Löffel und Tassen. Das Sturmfeuerzeug liegt in Griffnähe. «Mit der Arbeit am Kafi-Wage entdecken wir neue Seiten an uns. Nun wissen alle, wie perfektionistisch ich wirklich bin», meint Marcial Koch. Auch die Tätigkeit an sich scheint die Mitglieder mit neuen Herausforderungen zu konfrontieren. «Nur einer von uns erlernte einen handwerklichen Beruf», fügt Marcial Koch an. Nachfragen, um wen es sich handelt, erübrigt sich. Das fachmännische Vorbohren hatte Marek Regez längst verraten.

Eine Kaffeemühle in fünfter Generation – so die Behauptung.
Eine Kaffeemühle in fünfter Generation – so die Behauptung.

Erfolgreich getauft
«Dieses Stück Holz ist das wichtigste Bauteil hier», sagt Marcial Koch und streckt mir eine u-förmige Platte entgegen. Erfunden und zugesägt hätten sie es nach dem Eröffnungsabend vor drei Jahren. Vorausgegangen sei ein Malheur mit einem Flaschenaufsatz. Als dieser sich von einer kopfüber hängenden Flasche löste, sei der Wagen unfreiwillig mit Obstbrand getauft worden. «Dieses U-Teil fixiert nun alle Aufsätze.» Fabian Aregger gibt wenig Zucker in die Tassen und giesst Kaffee nach. «So viel trinken, bis es süsslich schmeckt», weist er mich an und reicht mir eine Tasse. Der Williams wird in die edlen Gläser gefüllt, geschwenkt und beschnuppert. Mit einer raschen Kippbewegung wandert der Obstbrand in die beinah leere Kaffeetasse. Fabian Aregger schüttet Zucker auf die Löffel. «Der Zucker muss sich vollsaugen», erklärt er und hält das Besteck in seine Tasse. Geduldig beobachte ich, wie der Zucker langsam seine Farbe wechselt. Mit dem Sturmfeuerzeug entflammt mein Instruktor den Obstbrand in den Tassen. Eine blaue Flamme züngelt. «Den Löffel solltest du weiter hinten halten», kommentiert Marek Regez meine Handhabung. Bald hätte ich es von selbst bemerkt.

Ein neuer Plan
Der erhitzte Zucker wird allmählich goldbraun. Seit der Gründung von «Lutz und Flamme» schmiedet der Freundeskreis grössere Pläne. «Im Herbst organisieren wir als Verein die erste Zuger Obstbrandwanderung – für 200 Personen. Abgewandert wird aber nicht gleichzeitig, sondern in Gruppen», erzählt Marcial Koch. Der Ausgangspunkt für die Wanderung befinde sich in Kappel am Albis. Von dort führe der Weg an sechs Hofdestillerien vorbei, bis nach Zug in die Destillerie Etter. Auf 10 Kilometern gebe es kulinarische Einblicke in lokale Betriebe. Das Angebot beschränke sich nicht auf Obstbrände. Und wer gar nichts mit Alkohol am Hut hat? «Für diese Menschen stehen Alternativen bereit», ergänzt Marcial Koch. Der Zucker auf dem Löffel beginnt, Blasen zu bilden, und blubbert. «Langsam reingiessen», leitet Fabian Aregger an. Höhere, orange Flammen flackern auf, als der karamellisierte Zucker vom Löffel tropft. 

Fünf von acht: «Lutz und Flamme» am Tresen des «Kafi-Wage»
Fünf von acht: «Lutz und Flamme» am Tresen des «Kafi-Wage»
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Hand drauf
Noch immer züngelt die Flamme. «Schnell ins Glas kippen, Hand ablecken und gleich die flache Hand auf das Glas drücken», weist mich der Ritualmeister an. Er scheint mein fragendes Gesicht zu erkennen. «Die Hand auf das Glas drücken, um die Flamme zu ersticken. Wichtig ist, kein Loch frei zu lassen. Ansonsten verbrennst du dich.» Abgeklärt demonstriert er das Vorgehen. Fünf Augenpaare richten sich auf mich und meine Utensilien. Kurz zögere ich. Schnell kippe ich den brennenden Schnaps in das Cognacglas, befeuchte meine Handfläche und decke das Glas ab. Sogleich spüre ich, wie meine Haut angesaugt wird. Erschrocken, ziehe ich sie mit einem Saugnapfgeräusch weg und ernte Gelächter. «Hand auf das Glas», rufen alle. Blitzartig nehme ich einen zweiten Anlauf. «Das muss sich so festsaugen», erklärt Fabian Aregger, während ich dieses seltsame Gefühl an meiner Hand spüre. Er schwenkt sein Glas vor meinen Augen. Es scheint an seiner Hand zu kleben. «Irgendwann beginnt es sich zu lösen. Bevor das passiert: Denk daran, den Geist einzuatmen.»

Ein magischer Moment
Ein magischer Moment

Der Kreis schliesst sich
Mein Instruktor löst seine Hand vorsichtig und setzt seine Nase auf den Glasrand. Wenig später zieht ein gut riechender Duft auch durch meine Nase. Langsam schwenke ich das goldbraune Getränk in meinem Glas. Das Ritual ist kurz, aber effektvoll: das eigenwillige Flackern, die wechselnde Farbe der Flamme, das Löschen mit der Hand und das scheinbar schwebende Glas. Darauf stossen wir an. In meinem Mund entfaltet sich der süsse Geschmack von karamellisierter Birne. Und auf meiner Hand bleibt ein runder Abdruck, der nach einer halben Stunde langsam verschwindet. Die Mitglieder von «Lutz und Flamme» würden behaupten, das sei er: der Kreis der Freundschaft, der für einen kurzen Moment sichtbar wird.

Zuger Obstbrandwanderung
26. September 2026
Anmeldung unter:
lutzundflamme.ch

Der Kreis der Freundschaft von «Lutz und Flamme»
Der Kreis der Freundschaft von «Lutz und Flamme»
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