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Sicht in Schacht

Am Anfang gluckste es scheinbar harmlos in der Toilette. Minuten später flutete das gesamte Abwasser eines Blocks mein Badezimmer. Überfordert mit der Gesamtsituation – beissende Gerüche, ausbreitende Brühe und bedrohliches Blubbern –, wählte ich die Nummer des Kanalreinigers. Unaufgeregt wendete der Mann in Orange die sich anbahnende Katastrophe ab. Mit diesem Tag trat bei mir eine Berufsgruppe an die Oberfläche, deren Arbeit oft im Verborgenen bleibt. Obschon sie viel Einfluss – und Abfluss – auf unseren Alltag hat.


Sicht in Schacht

Auf Mission
Frühmorgens stehe ich am Strassenrand. Aus der Ferne nähert sich ein oranger Lastwagen und scheint mit seiner leuchtenden Farbe dem grauen November die Zunge he­rauszustrecken. Das Vehikel parkt neben mir und die Fahrzeugkabine wankt, als der Fahrer aussteigt. Es ist Peter Huwiler, der mich an diesem Tag in die Röhre gucken lässt. Meine Hände bleiben nicht lange leer, die Rolle des stillen Beobachters verwehrt mir der Fachmann charmant. Meine Arme füllen sich mit Schläuchen und Eimern, während ich über die bevorstehende Mission aufgeklärt werde. Unsere erste Aufgabe sei es, das Abflussrohr in der Küche zu spülen. Mit einem Kompressor und einer Rohrkamera eilt Peter Huwiler voraus. Wenig später liegt das Rohr unter dem Spülbecken offen und der Kompressor ist am Wasserhahn angeschlossen. Langsam verschwindet Stück für Stück eines langen Schlauchs im Loch. Der Kompressor surrt, ein Glucksen ist zu hören. Was im Innern des Rohrs vor sich geht, kann ich nur erahnen. Für Peter Huwiler hingegen scheint es keineswegs ein Blindflug zu sein. Hier haben wir eine Abzweigung, kommentiert er nach einer Weile.


Von Kuriositäten
Mit einem Tuch hält er den Schlauch fest und zieht diesen zurück. Seit über 30 Jahren arbeite er bei Fretz Kanal-Service, erzählt Peter Huwiler. Für den Titel Dienstältester würde das allerdings nicht reichen. Immerhin aber für einen Erfahrungsschatz, den er gerne teile. Er drückt mir den Schlauch mit dem Tuch in die Hand und lässt mich weiter ziehen. In der Zwischenzeit wickelt er die Rohrkamera von der Rolle und positioniert den Bildschirm. «Warte kurz!», weist er mich an und führt die Kamera in das Loch. Über den Bildschirm flimmert das Innenleben des Abwasserrohrs. «Bis hier hat sich Material abgelagert» kommentiert Peter Huwiler und deutet auf eine Stelle. Er lässt mich den Schlauch so weit zurückziehen, bis sein Ende auf dem Bildschirm erscheint. Die übrigen Fettresten werden weggespült und die Kamera bewegt sich weiter fort. In den Rohren sei er bereits auf Kuriositäten gestossen, erzählt er. Einmal löste eine WC-Ente eine Verstopfung aus, ein anderes Mal sei die Haarbürste einer Puppe die Übeltäterin gewesen. Ich starre auf den Bildschirm und hoffe innerlich auf das Auftauchen eines unerwarteten Fundstücks – vergeblich. Meist sei es Öl oder Fett, das sich ablagere. Und es gebe Menschen, die diesen Prozess beschleunigen würden. Vielleicht aus Unwissen, vielleicht aus Bequemlichkeit würden Speisereste in den Abfluss gekippt. Jedenfalls würde dieses Verhalten für genug Arbeit sorgen, resümiert Peter Huwiler schmunzelnd und kurbelt die Rohrkamera wieder auf.



Die Düse aka die Rakete.
Die Düse aka die Rakete.

Ferngesteuert
Das Wasser in der Küche fliesst wieder einwandfrei ab und draussen wartet die nächste Aufgabe. Mit einem Pickel hebt Peter Huwiler einen Schachtdeckel an und zieht ihn zur Seite. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich durch einen Kanal kriechen. Mit Erstaunen stelle ich aber fest, dass zuunterst im Schacht bloss drei kleine Kanäle zusammenlaufen. Peter Huwiler faltet ein Warndreieck neben dem Schacht auf und hält mir eine Fernsteuerung entgegen. Diese soll ich mir umschnallen, schliesslich werde ich sie bedienen. In Griffnähe baumelt nun die Fernsteuerung, von der ich nicht weiss, was ich mit ihr anfangen soll. Peter Huwiler führt mich ans Heck des Lastwagens und deutet auf eine Schlauchrolle. «So kannst du den Schlauch auf- und abwickeln», instruiert er und bewegt einen Hebel der Steuerung. Gemächlich dreht sich die Rolle, während wir den Schlauch zum Schacht führen. «Bereit?», meint Peter Huwiler und dreht an einem Regler. Aus dem Tank des Lastwagens schiesst Wasser durch den Schlauch. Mein Instruktor weist mich an, den Schacht von oben nach unten abzuspritzen. «Den Deckel nicht vergessen», ergänzt er. Das sei für den ersten Eindruck, dieser sei entscheidend. Die Kundschaft sehe meist als Resultat seiner Arbeit nur den Deckel.

Die Rakete
Als Nächstes benötigen wir eine Düse, meint Peter Huwiler und zeigt mir eine Auswahl an Metallaufsätzen. Er kramt im Behälter und zieht einen Aufsatz heraus. Bei dieser Ausführung schiesse das Wasser gegen hinten und jage den Schlauch wie eine Rakete durch das Rohr. Das sei sein absoluter Favorit, zeigt er sich begeistert. Ein Vermögen koste dieser Aufsatz und dürfe keinesfalls zu nahe beim Schacht aufgeschraubt werden. Vorsichtig bringe ich die Düse an. Wenig später lässt Peter Huwiler die Düse in den Schacht, wo sie auf Anhieb im gewünschten Kanal zu liegen kommt. Er gibt mir das Zeichen, den Regler zu drehen. Ein Zischen ertönt und die Düse schiesst in den Kanal und zieht den Schlauch mit einem Ruck hinter sich nach. Ich stelle mir vor, wie sich die Düse ihren Weg sucht. Vielleicht schiesst sie im Innern des Hauses aus einer Toilette und flutet das Badezimmer. Ich teile meine Befürchtung mit Peter Huwiler. Lachend winkt er ab. Wo diese Düse gerade durchjage, wisse er genau.

 

Automatisiertes  Abwickeln.
Automatisiertes Abwickeln.
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Schlauchziehen
Die Reinigung der Grundrohre ist abgeschlossen und wir gönnen uns eine Pause im Café. Peter Huwiler beisst zufrieden in sein Gipfeli. Ob ihm die strengen Gerüche manchmal den Appetit verderben, frage ich. Er schüttelt den Kopf. Seine Nase habe sich längst daran gewöhnt. Wir verlassen das Café und fahren mit dem Lastwagen in das nächste Quartier. Mittlerweile gut eingespielt, öffnet Peter Huwiler den Schacht, ich verlege den Schlauch und bringe den Aufsatz in sicherer Entfernung an. «Hier wird es schwieriger», meint Peter Huwiler und zeigt auf ein Rohr in der Schachtwand. «Nun musst du die Düse mit dem Schlauch in dieses Loch schwingen», erklärt er. Er werde die Versuche zählen. Den Schlauch schwingend, scheitere ich im Sekundentakt. Ich höre Peter Huwiler zählen und jubeln, als es mir gelingt. Mit einem Zischen verschwindet die Düse. Wir warten so lange, bis der Aufsatz ansteht und kein Schlauch mehr reingezogen wird. «Zurückziehen!», weist mich Peter Huwiler an und ein anstrengendes Schlauchziehen startet. Die zischende Rakete gegen mich. Eine gute Körperhaltung sei wichtig, mahnt Peter Huwiler, und ich versuche, meinen Widersacher in ergonomischer Position aus dem Rohr zu ziehen. Das Zischen wird lauter, das Ende naht. «Die steckt noch tief im Rohr», schlussfolgert Peter Huwiler aufgrund der Geräusche. Tatsächlich dauert es eine Weile, bis er mir das Zeichen zum Wasserstopp gibt.


Faszination am Verborgenen
Rohr um Rohr haben wir gereinigt und setzen uns kurz nach 12.00 Uhr in den Lastwagen. Auf der Fahrt zurück in den Werkhof erzählt mir Peter Huwiler von seiner Pension, die ihn in vier Jahren erwarten werde. Ob er im Ruhestand weiter Rohre reinigen werde, frage ich. Er schüttelt entschieden den Kopf. Dieses Kapitel sei mit 65 Jahren abgeschlossen. Vermutlich werde er sich einen Bagger kaufen und Löcher buddeln, sinniert er. Bei Peter Huwiler scheint die Faszination für das Verborgene ein Leben lang zu halten. Vielleicht, weil er immer wieder auf Unerwartetes stösst. Oder es ihm genügt, nicht alles sehen zu müssen. Was immer es sein mag, von dieser Faszination profitieren wir alle. Denn auch wenn die Arbeit von Peter Huwiler meist im Verborgenen bleibt: Wird sie nicht geleistet, tritt es früher oder später zutage. Und wir wünschen uns den leuchtenden Lastwagen herbei.

 

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