Marcel, du bist Friedhofsgärtner in Cham. Was gehört zu deinem Alltag?
Ich kümmere mich um die ganze Friedhofsanlage. Ich bereite Gräber vor, pflege die Umrandungen, kontrolliere die Wege und sorge dafür, dass alles sauber und würdevoll aussieht. An Tagen mit Bestattungen unterstütze ich im Hintergrund. Ich öffne das Grab, begleite die Trauerfamilie zum Ort der Zeremonie und setze die Urne bei, wenn der Pfarrer oder Seelsorger das Zeichen gibt.
Wie viele Bestattungen begleitest du im Jahr?
Dieses Jahr begleitete ich 77 Bestattungen. Es gibt verschiedene Formen: Urnengrab, Urnennische, Gemeinschaftsgrab und Erdbestattung. Die meisten wählen das Gemeinschaftsgrab oder die Nische. Erdbestattungen sind selten geworden, in zwei Jahren gab es vier.
Was passiert nach der Zeremonie?
Ich hole die Trauerkarten aus den Briefkästen bei den Aufbahrungsräumen und bringe sie der Familie. Danach schliesse ich das Grab oder setze bei der Nische die Platte wieder ein. Ich arrangiere die Blumen und stecke das Kreuz. Es soll ruhig und gepflegt bleiben, auch wenn niemand mehr zuschaut.
«Ich versuche, allen Menschen mit Respekt und Humor zu begegnen. Das verändert den Blick aufs Leben.»
Was passiert, wenn ein Grab aufgehoben wird?
Gräber werden immer feldweise aufgehoben. Ein Feld bleibt bestehen, bis das letzte Grab darin 20 Jahre alt ist. Erst dann wird das ganze Feld aufgehoben. Das kann dauern – gerade bei Erdbestattungen liegen zwischen dem ersten und dem letzten Grab oft viele Jahre. Die letzte Aufhebung war vor fünf Jahren. Nächstes Jahr steht wieder eine an.
Wie bist du zu diesem Beruf gekommen?
Ich bin gelernter Strassenbauer und arbeite seit 18 Jahren bei der Gemeinde Cham. Ich habe Spielplätze saniert, Schächte gesetzt, Signalisationen gemacht. Als vor fünf Jahren der damalige und langjährige Friedhofsgärtner pensioniert wurde, hat man mich gefragt, ob ich die Stelle übernehmen möchte. Damals war ich noch nicht bereit – die Arbeit wird allein gemacht, und das Thema Tod ist sehr präsent. Die Stelle wurde ausgeschrieben und von einer Friedhofsgärtnerin besetzt. Vor zwei Jahren wurde sie wieder frei. Diesmal fühlte ich mich bereit und ich habe zugesagt. Ich bringe Empathie mit, kann zuhören, bin gerne draussen. Heute bin ich froh, dass ich mich so entschieden habe.
Was erlebst du auf dem Friedhof mit den Menschen?
Vieles. Manchmal bin ich einfach da, wenn jemand reden will. Gerade ältere Menschen kommen vorbei, erzählen Geschichten, machen Witze. Es gibt traurige Momente, aber auch schöne. Wenn jemand 98 Jahre alt wurde, darf man auch dankbar sein für ein erfülltes Leben. Ich versuche, allen Menschen mit Respekt und Humor zu begegnen. Das verändert den Blick aufs Leben. Ich bin dankbarer geworden – für mein eigenes Leben und für die Begegnungen mit anderen.
Du arbeitest nicht nur auf dem Friedhof. Was gehört noch zu deinem Job?
Ich bin Teil des Werkhof-Teams. Wir machen Winterdienst, helfen im Ökihof, sind im Pikettdienst – zum Beispiel bei Abwasserproblemen oder wenn ein Tierkadaver weggeräumt werden muss. Und bei Anlässen wie dem Chomer Märt oder der Fasnacht bauen wir Stände auf und räumen danach wieder auf. Da beginnt die Arbeit auch mal frühmorgens oder am Wochenende.
Wie funktioniert das im Team?
Wir sind 24 Werkhofmitarbeitende. Es gibt eine Liste, auf die wir uns eintragen. Wenn es nicht aufgeht, sprechen wir uns ab. Die Überzeit können wir an anderen Tagen kompensieren. Das läuft unkompliziert.
Was bedeutet dir der Friedhof persönlich?
Für mich ist der Friedhof wie eine Insel. Es ist ruhig hier, grün, gepflegt, mit Platz für Biodiversität. Die Vögel pfeifen, es gibt Igelhäuschen, Mauern für Eidechsen. Es ist eine geschützte Umgebung, während draussen der Verkehr vorbeirauscht. Ich habe auch Ideen, wie man die Anlage weiter nutzen könnte. Zum Beispiel mit einem kleinen Pavillon für Sommerkonzerte oder ein paar Bänken, wo man sich zum Mittagessen hinsetzen kann. Für mich ist der Friedhof nicht nur ein Ort des Abschieds, sondern auch ein Ort der Begegnung.
Wie entsteht der Chomer Wiehnachtsmärt?
1. Frühmorgens kontrollieren
Noch vor Sonnenaufgang macht Marcel seinen ersten Rundgang über den Friedhof. Er prüft, ob die Wege frei sind, ob der Brunnen läuft, ob irgendwo Äste liegen oder etwas nicht stimmt.
Es soll einladend sein – für die, die kommen.
2. Schnee schaufeln
Wenn es geschneit hat, greift Marcel zur Schaufel. Er beginnt bei den Hauptwegen, räumt die
Eingänge zur Kirche und zu den Aufbahrungsräumen. Danach folgen die schmalen Plattenwege zwischen den Gräbern – dort, wo Angehörige stehen, Blumen ablegen oder einfach einen
Moment verweilen. Jeder Weg zählt.
3. Salzen, wo nötig
Besonders bei Treppen, Übergängen und
schattigen Stellen streut Marcel Salz. Viele, die den Friedhof besuchen, sind älter. Da darf
kein Tritt unsicher sein. Es geht nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Vertrauen:
Wer hierherkommt, soll sich aufgehoben fühlen.
4. Unkraut entfernen
Auch im Winter spriesst es – vor allem an
sonnigen Stellen. Marcel entfernt, was stört, aber nicht alles, was grün ist. Ihm ist wichtig, dass der Friedhof auch in der kalten Jahreszeit freundlich wirkt. Sauber, würdevoll, mit einem Hauch
Leben zwischen den Steinen.
5. Laub zusammennehmen
Nach einem Sturm oder an milden Tagen liegt oft noch Laub auf den Wegen oder in den Umrandungen. Marcel sammelt es ein, bevor es matschig wird oder sich in den Platten festsetzt. Nicht aus Prinzip, sondern weil es auffällt.
5. Da sein für die Menschen
Wer kommt, darf fragen. Marcel hört zu,
hilft weiter, bleibt präsent. Manchmal entsteht ein Gespräch über das Wetter, manchmal über das Leben. Und manchmal reicht ein kurzer Blick, ein Nicken, ein stilles Verstehen.